Archive | December, 2016

Spiel mir das Lied vom Bronkowitz

20 Dec

1960 veröffentlicht das kleine US-Indielabel Peacock eine Single des erstklassigen Kleinganoven und begnadeten Keyboarders James Booker, inspiriert von dem B-Movie »The Pusher«, in dem ein gewisser Felice Orlandi eine Figur mit dem Spitznamen »Gonzo« spielt. So heißt auch Bookers Orgel-Instrumental, und irgendwie wird es danach das Lieblingsstück eines Journalisten namens Hunter S. Thompson, der so seinen persönlichen Schreibstil benennt. Jahrzehnte später greift (nicht zum ersten Mal in Deutschland) ein Mainzer Verlag den Begriff erneut auf – und in ebendiesem »Gonzo-Verlag« ist gerade ein höchst empfehlenswertes Buch erschienen.

peacock-gonzo

Stefan Gaffory hat in »Die neun Leben des King Bronkowitz: Wehe, Du schreibst nichts über die Nits« seine Magazin-Beiträge, Blogs und andere Artikel (»Kolumnen und Essays«) zu einer faszinierenden Sammlung zusammengestellt, die – egal wo man zu lesen beginnt – einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Hier schreibt jemand mit wütender Begeisterung über Musik: und zwar wirklich »über« sie – ihre Wirkung auf uns (bzw. den Autor), was sie anrichtet, wen sie vernichtet, womit es anfängt, und warum es nicht aufhört. Und dabei ist das alles äußerst vergnüglich zu lesen; wenn der Autor tobt wie ein Rumpelstilzchen, im nächsten Satz aber schon wieder zu Zen-artig abgehoben-sarkastischen Vergleichen ausholt und gleich darauf in Stein gemeißelte Urteile fällt wie ein Moses des Poetry-Slams in den Flammen von brennendem Vinyl.

Zwar wird im Klappentext behauptet, keine Musikrichtung sei vor ihm sicher, aber zum Glück dreht es sich vor allem um Metal, Hip-Hop und Indie-Gitarren. Tatsächlich werden die Texte merklich schwächer, wenn der Autor andere Bereiche betritt – Glossen über die Geburtstage von Dylan und Gottlieb Wendehals sind zynisch-unterhaltsam geschrieben und bringen sicherlich erwartbare Lacher bei Lesungen, sind aber genau das, was er den Unterhaltungs-Routiniers vorwirft: altes Garn professionell abgespult für die Fangemeinde. Und ich persönlich möchte garnicht, daß der Mann über die Nits schreibt und wäre jederzeit bereit, ihn mit vorgehaltenem Scheck daran zu hindern. Man will ja auch nicht wissen, was Reich-Ranicki von Hüsker Dü hält, oder Dr. Eckart von Hirschhausen über Arno Schmidt zu sagen hat… Es ist jedoch zum Durchschmökern des (immerhin 331 Seiten starken) Bandes nicht unbedingt nötig, Gafforys Musikgeschmack zu teilen, es besteht allerdings die Gefahr, daß man sich schließlich dann doch mal eine Slayer-Platte anhört. Oder zwei; denn der Autor mag Listen. Lange, detaillierte, vollständige, aber vor allem: Listen.

Und das bildet den überraschenden Kontrast zum Noise-bedröhnten Sprach-Tornado – da werden buchhalterisch Listen-Konzepte entworfen, penibel durchgeführt, und immer wieder konstatiert, daß man soeben alle (natürlich selbst-erdachten) Kriterien brav erfüllt hat. Nebensächliche Details, die anfangs noch wie leicht irritierend-pathologischer Mitteilungsdrang wirken, entwickeln im Laufe des Buches ein Eigenleben, und man WILL einfach wissen, ob er diese bestimmte LP nun im Drogeriemarkt oder beim WOM gekauft hat (und wann)! Überhaupt bekommen autobiographische Streiflichter und Berichte schließlich immermehr die Oberhand, was dem Buch auf angenehme Weise eine zweite Erzählebene verschafft und verhindert, daß der Band als Printversion von Rate Your Music-Listen endet. (Warum gibt es eigentlich kein Personenregister? Allein, um endlich mal Fips Asmussen und Lemmy zusammen gelistet zu sehen…)

Was bleibt ist die Erkenntnis, daß die Gnade der späten Geburt durchaus ihre Nachteile hat – wer David Bowie über »Let’s Dance« und R.E.M. über »The One I Love« kennenlernt, hat einfach dermaßen lächerlich schlechte Karten, daß es kein Wunder wäre, wenn sich die pubertäre Sammel-Leidenschaft alsbald von Platten auf Panini-Bildchen oder Zinnsoldaten verlagert hätte. Herr Bronkowitz hat durchgehalten, die hoffentlich zahlreiche Leserschaft profitiert, und er schreibt zum Glück nicht über die Nits, sondern von dem, was ihm am Herzen liegt: »Music is the best.« (Frank Zappa).

Und – kauft das Buch nicht irgendwo im Computerkastl; geht in einen Buchladen und bestellt es dort: dann müßt ihr euch vor den Nachbarn nicht rechtfertigen, und die Welt wird eine bessere.

nichtnits-cover

Stefan Gaffory
Wehe, Du schreibst nichts über die Nits
Die neun Leben des King Bronkowitz: Kolumnen und Essays
Gonzo-Verlag, Mainz 2016, ISBN 978-3-944564-14-2